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Was Sâmi Rîschi erlebte

Was Sâmi Rîschi erlebte

Kurzgeschichte

Jeden zweiten Tag stand Sâmi um sechs Uhr auf, ging zur Bäckerei und stellte sich in die Schlange derer, die für Brot anstanden. So hatte es ihm sein Vater aufgetragen. Wenn er gegen sieben zurückkam – sein Vater, seine Mutter und seine beiden Schwestern schliefen noch – wickelte er das Brot in ein alte Kleid, das seine Mutter immer für seinen Vater angezogen hatte, wenn dieser von der Arbeit zurückkam, legte es auf die Steinbank, ging aufs Klo und pinkelte in kräftigem Bogen in die Öffnung, aus der irgendwann einmal eine Ratte gekrochen war, die im Haus wütete.

Die gewaltige Explosion, die das ganze Haus erschütterte, schleuderte Sâmi mit erbarmungsloser Gewalt an die Klowand. Gleichzeitig brach ein heisser Luftstoss mit Staub und Splitter von Steinen, Holz, Glas und Gott allein weiss, was sonst noch, von der Strassenseite herein, nachdem er schon die beiden Schlafzimmer, das Wohnzimmer, den Flur und die Küche durchwütete hatte.

Nachbarn und Passanten eilten herbei, um zu helfen. Die Vorderwand des Gebäudes war völlig weggefegt. Hinter der zerstörten Tür der Wohnung fanden sie, unter Trümmern verschüttet, vier verstümmelte Leichen. Sâmi entdeckten sie, bewusstlos im Klo auf dem Boden liegend, die Kleider verdreckt mit Pisse und Blut.

 

 

Mit einem kleinen Daihatsu Pickup transportierten sie ihn zu einer klandestinen, von den „Ärzten ohne Grenzen“ betriebenen Krankenstation. Dort stellte der italienische Arzt, der ihn in Empfang nahm, einen Bruch der linken Schulter, eine Blutung im rechten Ohr, eine Gehirnerschütterung und mehrere unbedeutende Schürfungen fest, nichts davon lebensgefährlich. Aber man behielt ihn unter Beobachtung in einer Ecke des an die Krankenstation anschliessenden Kellers, bis er aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte.

Als Sâmi drei Tage später die Augen aufschlug sass seine Grossmutter an seinem Bett. Sie brach ihr Gebet ab, warf sich über ihn, schloss ihn in die Arme und küsste ihn mit ihrem eingefallenen Mund. In der Eile hatte sie ihr Gebiss zuhause vergessen. Nachdem ihr jemand die Nachricht überbracht hatte, musste sie zunächst zum Friedhof hasten, um ihren Sohn,  ihre Schwiegertochter und ihre beiden Enkelinnen zu begraben, danach zu der Krankenstation, um sich um ihren Enkel zu kümmern.

Schon am folgenden Tag drängte der Arzt die Grossmutter, den Jungen mitzunehmen. Der Raum sei knapp, und der Strom der Verwundeten reisse nicht ab.

Die Grossmutter nahm ihn zu sich nachhause. Sie wohnte im Salâch-al-Dîn-Viertel in einer Dreizimmerwohnung. Ein Jahr zuvor hatte sie schon eine Frau, Fadwa, und ihren zweijährigen Sohn aufgenommen und die beiden in einem der Zimmer einquartiert, während sie selbst in einem weiteren lebte. Das dritte diente als Wohnzimmer, auch zum Fernsehen, sofern es Strom gab. Da das nur selten der Fall war, sassen sie die meisten Abende einfach nur bei Kerzenlicht zusammen. Fadwas Haus war völlig zerstört worden, und ihr junger Ehemann verschwand an einer Militärsperre, als er von der Arbeit heimkam.

„Alles futsch“, pflegte sie zu sagen.

Das Sofa im Wohnzimmer musste Sâmi als Bett dienen.

Nach dem Zwischenfall geschah mit Sâmi etwas Seltsames. Er wurde knapp in allem. Er ass und trank nur noch wenig, und er hörte praktisch auf zu reden. Fadwa half bei der Pflege des Jungen. Sie hatte die Grossmutter nach seinem Alter gefragt und erfahren, er sei wohl zwölf oder dreizehn. Genau erinnere sie sich nicht mehr an das Jahr seiner Geburt. In Wahrheit war er vierzehn. Fadwa lächelte. Dann sei er ja noch ein Kind, und sie brauche sich vor ihm nicht zu verhüllen.

Ausserdem begann Sâmi, alles lange anzuschauen. Still und stumm starrte er. Anfangs war es Fadwa noch peinlich, wenn sie bemerkte, dass er sie ohne eine Regung auf dem Gesicht musterte. Doch dann kümmerte sie sich nicht mehr darum. Er war ja krank.

„Siech und blind – so weit ist es gekommen“, sagte sie, an die Grossmutter gewandt, und wies mit dem Kopf auf Sâmi. „So hatten wir das wirklich nicht erwartet mit diesem Krieg.“

Die Grossmutter seufzte traurig, der Kummer frass an ihr. Sie hatte ihren Jüngsten und dessen Familie verloren. Wo die anderen drei sich aufhielten, mochte Gott allein wissen. Sie beschloss zu beten. Das war das Beste, was sie tun konnte.

Fadwas Söhnchen hiess Saîd – und so war er, nämlich „glücklich“. Er verstand noch nicht, was in der Stadt vor sich ging. Ausserdem schlug ihn seine Mutter nie, wenn er die Hosen nass machte. Er glaubte, jemanden gefunden zu haben, mit dem er spielen konnte. Doch als die Grossmutter mit Sâmi zurückkam, den ein paar freundliche, freiwillige Helfer trugen, musste er feststellen, dass dieser Jemand weder spielte noch redete, weder lachte noch weinte. Er starrte ihn nur an, ohne die geringste Reaktion auf dem Gesicht zu zeigen, oberflächlich.

„Siech und blind“, wiederholte er, seiner Mutter nachplappernd.

Auf dem Sofa im Wohnzimmer liegend, hörte Sâmi, wie Fadwa nachts über ihren verschwundenen Ehemann weinte. Sie vermisste ihn, besonders bei Nacht. Er war nicht mehr da, um sie in den Arm zu nehmen, sie zu küssen, auf ihr einzuschlafen.

Ihr gepresstes Schluchzen zog sich hin, und offenbar drückte sie dabei ihr Söhnchen Saîd an die Brust und küsste es, so dass es häufig aufwachte und zu schreien begann.

Einmal ging Sâmi mitten in der Nacht pinkeln. Als er die Tür zum Bad öffnete, erblickte er dort Fadwa mit ihrem Sohn. Sie war vollständig nackt und hielt ihr Kind zwischen den Beinen, um es zu waschen. Sie zog den Jungen an sich, um ihre Brust vor Sâmis Blicken zu verbergen, vor diesem Sâmi, der da stand und starrte, unfähig zu verstehen, dass es unanständig, ja ungehörig ist, Leuten beim Baden zuzusehen. Fadwa bat ihn, die Tür zuzumachen, doch er blieb stehen, starrend, bis die Grossmutter kam, ihn wegzog und die Tür schloss. Dann wischte Fadwa sich den Schweiss vom Gesicht. Es war ihr ungeheuer unangenehm, doch sie war überzeugt, dass der Junge nicht alles gesehen hatte. Schliesslich gab es wie üblich keinen Strom, und das winzige Fensterchen liess nicht genügend Licht herein.

Zwei Monate später nahm ihn die Grossmutter zur Krankenstation, damit man ihm den Gips von der Schulter entfernte. Aber das Gebäude war beschossen und zerstört worden. Die Krankenstation gebe es nicht mehr, und der italienische Arzt sei getötet und im Garten begraben worden, hiess es. Also ging sie mit ihrem Enkel in die Praxis eines Spezialarztes, der gegen ein stattliches Honorar den Gips abnahm. Die Haut darunter war rot entzündet. Sâmi leide an einem aggressiven Ekzem, er habe das aber nicht begriffen, erklärte die Grossmutter Fadwa. Und so rieben die beiden abwechselnd Sâmis Körper mit Olivenöl ein.

Die Grossmutter stellte ihrem Enkel einen Stuhl auf den Balkon. Dort konnte er sitzen und seinen Körper dem Wind und der Sonne aussetzen. Ohne seinen Blick viel wandern zu lassen, betrachtete Sâmi schweigend die Leute unten. Er schaute sich die Passanten an, die Händler, die lautstark ihre Waren anpriesen. Er schaute auch die Kinder an, die herumtollten, spielten und sich balgten. Was er hörte, störte ihn nicht, Geräusche jedweder Lautstärke, Art und Herkunft, von denen die Grossmutter glaubte, sie täten ihm gut, auch wenn es Gefechts- und Explosionslärm war.

Fadwa setzte sich, das Haar verhüllt, zu ihm auf den Balkon und knabberte Sonnenblumenkerne. Häufig richtete er seine Augen auf sie und liess sie dort verweilen. Und wenn sie sich eine Tasse Kaffee kochte, forderte sie ihn auf, davon zu kosten. Sie begann, ihm ihre Geschichte zu erzählen, und er lauschte artig.

Sie erzählte ihm, wie Machmûd bei ihrem seligen Vater um ihre Hand angehalten und, trotz des Krieges, darauf bestanden hatte, einen Sänger zu engagieren. Machmûd sei ein unglaublich feiner Mensch. Er habe sie geliebt und verwöhnt, die Trennung von ihm mache ihr sehr zu schaffen. Doch Gott sei gütig und werde ihn ihr sicher bald zurückgeben. Sâmi betrachtete sie, wenn sie sprach und auch wenn sie schwieg.

Fadwa half der Grossmutter bei Sâmis Pflege. Sie fütterte ihn, da er jemanden brauchte, der ihm beim Essen half. Wenn er allein war, starrte er einfach völlig gedankenverloren auf den Teller. Sie wischte ihm, wenn es heiss war,  mit einem feuchten Waschlappen über Gesicht und Brust. Ihn zu baden gehörte zu den Aufgaben der Grossmutter. Fadwa durfte nicht dabei sein, wenn ihn die Grossmutter auszog. Doch wenn er seine Unterhose wieder angezogen hatte, machte sie die Badezimmertür auf, um ihn in Empfang zu nehmen, ihn an der Hand zum Sofa zu führen und ihm seine restlichen Kleider anzuziehen.

Nach dem Bad berührte sie gern seine nackte Brust, seine Hände und seine Beine und schnupperte an ihm.

„Du bist ja blitzsauber, Sâmi, und riechst wie Moschus. Beneidenswert die Frau, die einmal das Glück hat, dich zu kriegen!“

Dann wagte sie sich noch weiter vor und schloss ihn kurz in die Arme, und als sich ihr Herzklopfen gelegt hatte, umarmte sie ihn auch länger und küsste ihn sogar einmal auf die Wangen.

Fadwa ging immer wieder zum Büro der Nationalen Sicherheit, um sich nach Machmûd zu erkundigen. Die Grossmutter begleitete sie, weil sie sich um sie Sorgen machte. Fadwa war jung, hübsch und attraktiv, was die Grossmutter fürchten liess, sie könnte entführt, belästigt oder gar vergewaltigt werden. Sie mussten die Grenze zwischen dem „Oppositionsland“ und dem „Regierungsland“, überqueren. Das konnte Stunden dauern. Auf der anderen Seite gingen sie zu dem riesigen, berühmt-berüchtigten Amt der Nationalen Sicherheit, wo sie um irgendein noch so kleines Informatiönchen über Machmûds Verbleib bettelten. Fadwa weinte, um das Herz des Sicherheitsmenschen zu erweichen, damit dieser überhaupt nur die Akte aufschlug, um nach Vor- und Nachnamen zu schauen, nach dem Datum seines Verschwindens und dem Ort seines augenblicklichen Aufenthalts. Meistens sagten sie, Machmûd sei nicht bei ihnen, oder er sei sicher von bewaffneten Gangs verschleppt worden oder sie sollten ein andermal wiederkommen, dann wüsste man vielleicht mehr. Siech und blind.

Einmal brach am Übergang eine Schiesserei aus, und die beiden Frauen waren gezwungen, die Nacht auf der Strasse neben einem zerstörten Haus zu verbringen. In der Wohnung der Grossmutter schlief in jener Nacht Saîd auf dem Sofa neben Sâmi, der ihm aber keine Geschichte erzählte und kein Gutenachtlied sang. Er erlaubte ihm lediglich, seinen Arm als Kopfkissen zu benutzen und so selig zu schlummern, während Sâmi mit offenen Augen dalag und der Schiesserei und den Granateinschlägen lauschte.

Um das Lebenswichtigste einzukaufen, gingen Fadwa und die Grossmutter abwechselnd auf den Markt. Irgendwann einmal nahmen sie auch die beiden Buben mit. Die Idee kam von Fadwa. Sâmi müsse hinaus ins Viertel, meinte sie, um zu einem natürlichen Verhalten zurückzufinden. Zum Einkaufen musste man nicht weit gehen, weil sich die Gemüsehändler mit ihren Karren in jüngster Zeit aus Furcht vor Anschlägen auf den Strassen der Umgebung eingerichtet hatten. Menschenansammlungen galten als gefährlich, nachdem es auf Märkten immer wieder zu blutigen Zwischenfällen gekommen war. Die Preise schossen unablässig in die Höhe, was den beiden Frauen Sorgen machte.

Die Leute scherten sich wenig um die Gefahr. Selbst die Kinder rannten herum und spielten auf den Trümmern der zerstörten Häuser. Wenn Fadwa die beiden Jungen sich selbst überliess, um die nötigen Besorgungen rasch zu erledigen, gesellte sich Saîd zu den spielenden Kindern. Sâmi dagegen setzte sich auf einen Trümmerbrocken und betrachtete den Kleinen mit unverwandtem Blick.

Später gingen Sâmi und Saîd auch allein hinunter auf die Strasse. Sâmi nahm den Jüngeren bei der Hand, gemeinsam wanderten sie durchs Viertel, und wenn Saîd mit anderen spielen wollte, wartete Sâmi geduldig. Dann sass er da und liess ihn niemals aus den Augen.

Die beiden Frauen warteten besorgt auf die Rückkehr der Buben, besonders wenn die Schiessereien heftig wurden. Einmal schlug eine Granate ganz in der Nähe des Hauses ein, genau auf dem Stand eines Wassermelonenverkäufers. Die roten Melonenfetzen flogen in alle Richtungen und der Saft vermischte sich mit dem Blut des Händlers und des Kunden, den er gerade bedient hatte. Sâmi sass unweit der Unglücksstelle und schaute zu dem Stand hin. Nur ein einziges Melonenstück traf ihn. „Siech und Blind“ rannte kreischend herbei, ohne sich nach irgendetwas umzusehen. Die Angst um die beiden Jungen hatte sie sogar das Kopftuch vergessen lassen.

Nachdem sie mit den Jungen zurückgekommen war, sagte Fadwa der Grossmutter, sie wolle sich waschen und etwas anderes anziehen. Vor Angst habe sie in die Hosen gemacht.

Zum Einschlafen erzählte Fadwa ihrem Sohn Saîd schon immer eine Geschichte, damit er nicht quengelte und damit er vergass, zum Spielen hinausgehen zu wollen. Sie legte ihren Sohn ins Bett, setzte sich neben ihn und erzählte von Prinzen und Prinzessinnen, ebenso von Dschinnenfrauen. Auch Sâmi setzte sich zu ihnen und lauschte den Geschichten. Sie hatte Zuneigung zu ihm gefasst und freute sich über seine Anwesenheit im Haus. Sie sass zwischen den beiden, die sie, den Kopf zu ihr gedreht, im Kerzenlicht anschauten. Fadwa war ein nie versiegender Quell von Geschichten, solchen, die sie von ihrer Mutter und ihrer Grossmutter gehört hatte, oder auch solchen, die ihrem eigenen Kopf entsprangen. Und wenn sie beim Erzählen innehielt, um sich zu schnäuzen oder zu räuspern, stiess Saîd sie an und drängte sie, rasch weiterzuerzählen. Einmal schlief Saîd ein, ohne dass seine Mutter es merkte, die unter Sâmis unverwandtem Blick pausenlos weitererzählte. Als sie schliesslich innehielt, um nach ihrem tief schlafenden Sohn zu sehen, tippte Sâmi sie an und bat sie nicht azfzuhören. Da drehte sie sich überrascht um – er hatte zum Reden zurückgefunden!

Überglücklich griff sie nach ihm. „Du hast gesprochen, Sâmi, du hast ja etwas gesagt.“

Sie küsste ihn und stand auf, um der Grossmutter die Neuigkeit mitzuteilen. Es war ein Festtag. Am folgenden Abend beugte er sich völlig unvermittelt zu ihr hinüber und küsste sie auf die Wange. Ihr standen die Haare zu Berge. Sie schaute ihn befremdet an: seine grossen schwarzen Augen waren auf sie gerichtet. Wie hübsch dieser Junge war, mein Gott! Ihm konnte man nicht böse sein.

Sâmi nahm sich einen Stuhl mit auf die Strasse hinunter und setzte sich neben die Tür. Die beiden Frauen begriffen, dass er genug vom Herumsitzen im Haus hatte und etwas Abwechslung suchte. Wie eine Statue sass er da und betrachtete die Passanten und die fliegenden Händler. Die Leute auf der Strasse und im ganzen Viertel kannten ihn und seine Geschichte, und der eine oder andere Händler gab ihm sogar etwas zu essen. Einmal brachte ihm einer eine Tomate, die er in seinem Wasserkübel gewaschen hatte. Sâmi verschlang sie und schlürfte ihren Saft.

Als Fadwa etwas später ihren Sohn hinunterschickte, um Sâmi Gesellschaft zu leisten, fand er ihn nicht. Der Stuhl war leer. Fadwa suchte da und dort, aber von dem Jungen fehlte jede Spur. Sie ging zurück und erzählte es der Grossmutter. Dann suchte sie weiter in den umliegenden Strassen. Schiessereien waren zu hören und dann und wann eine Detonation. Da wurde ihr ganz heiss im Kopf.

Sâmi wanderte durch die Strassen der näheren Umgebung. Er hatte sie genau in Erinnerung. Dann erweiterte er seinen Radius und marschierte weiter und weiter, immer nur vor sich hin starrend. Er wanderte an vielen zerstörten Gebäuden vorbei, und überall waren Bewaffnete, die sich in den Trümmern eingerichtet hatten. Als er nach rechts abbog, sah er Erdhügel, Trümmer und einige ausgebrannte Autos, die die Strasse versperrten. Um sich herum, nicht weit entfernt, hörte er Gewehrfeuer. Er blieb stehen und schaute sich die Trümmerhügel und die Gebäude dahinter an, stand da und starrte. Eine Kugel pfiff dicht an seinem Kopf vorbei. Gleich darauf traf eine weitere ein schon ziemlich zerschossenes Metallschild, das die Autofahrer zur Vorsicht mahnte: Kinder könnten die Strasse überqueren. Etwa fünfzig Meter entfernt sah Sâmi eine tote Frau auf dem Bauch liegen. Sie trug einen Mantel und hatte ein schwarzes Tuch auf dem Kopf.

Plötzlich fasste ihn jemand bei der Hand und rannte mit ihm zurück zur Strassenbiegung. Dort sank Sâmi zu Boden und blieb so sitzen. Der Mann, der ihn weggezogen hatte, war mit einem automatischen Gewehr bewaffnet, er trug einen Tarnanzug und hatte eine Kuffija um den Kopf gewickelt. Er fuhr Sâmi heftig an. Andere Bewaffnete traten dazu. Wer er sei, wollten sie wissen, und ob ihn alle guten Geister verlassen hätten. Da drüben stünde ein Scharfschütze aus dem Heer, der auf die Leute schiesse. Sâmi blieb sitzen und schaute unverwandt auf den ersten Mann. Schliesslich begriffen sie, dass er nicht ganz in Ordnung war und ein Problem hatte. Daraufhin half ihm einer beim Aufstehen und ging mit ihm in eines der zerschossenes Gebäude. In einer Art Zimmer – es war ohne Vorderfront – hiess er ihn sich setzen und sitzen zu bleiben und sich ja nicht von der Stelle zu rühren.

Also blieb er sitzen und schaute unverwandt nach draussen. Bewaffnete kamen und gingen. Sie rauchten und diskutierten, und einer von ihnen sprach unentwegt in ein Handy.

Man bot ihm Tee an, dann ein Stück Brot. Schliesslich drückten sie ihm ein rechteckiges Holzschild in die Hand, das an einem Stock festgemacht war. „Achtung, Heckenschütze!“, stand darauf. Mit dem solle er sich vor die Kurve stellen, um die Leute zu warnen. Er stellte sich hin, den Stock mit dem Schild fest umklammert, bewegungslos. Von seinem Platz aus konnte er eine Wohnung ausbrennen sehen. Ein alter Mann mit gebeugtem Rücken kam. Als er das Schild sah, macht er kehrt und ging zurück. Sâmi wurde nützlich.

Gegen Abend kam einer der Bewaffneten und führte ihn zurück. Man setzte ihm ein Glas Tee vor und fragte ihn nach seinem Namen und demjenigen seines Vaters und seiner Familie. Auch wo er wohnte, wollten sie wissen. Schliesslich vermutete einer, der Junge könnte auf der anderen Seite wohnen; er sei vielleicht gekommen, um hinüberzugehen. Das Beste sei wohl, ihm einen sicheren Weg zurück zu zeigen.

Derjenige, der das vorgeschlagen hatte, nahm Sâmi bei der Hand und machte sich mit ihm auf den Weg. Durch Mauerlücken hindurch bewegten sie sich von einem zerstörten Haus zum nächsten. Jetzt sei er auf der anderen Seite, erklärte der Mann schliesslich und zeigte Sâmi, wie er weitergehen müsse, um zu den Lichtern dort drüben zu gelangen. Da sei eine grosse Strasse. Er schüttelte ihm die Hand und wünschte ihm Erfolg. Danach kehrte er zurück. Sâmi ging weiter, bis er die Lichter erreicht hatte. Auf einer Parkbank übernachtete er.

„Siech und blind“, sagte Fadwa. Sie sass auf dem Sofa, ihr Söhnchen schlief, den Kopf auf ihrem Bein. Die Grossmutter hockte auf dem Boden. Die Stille im Haus war beängstigend. Den ganzen Tag über hatten sie nach Sâmi gesucht, ohne Erfolg. Die Grossmutter machte sich Vorwürfe. Sie hätte ihn niemals allein auf die Strasse lassen dürfen. Doch Fadwa sah die Schuld bei sich. Sie hätte mit ihm hinuntergehen müssen. Doch die Grossmutter widersprach. Sie, Fadwa, treffe keine Schuld.

Sâmi war verschwunden, vielleicht sogar tot. Die beiden Frauen hatten heftige Schiessereien ganz in der Nähe des Viertels gehört. Vielleicht war er aber auch verwundet und lag in einer dieser klandestinen Krankenstationen, die in irgendwelchen Kellern eingerichtet waren. Doch die Grossmutter spürte keinen Druck auf der Brust, wie damals, kurz bevor das Haus ihres Sohns zerstört wurde. Das sei für sie ein untrügliches Zeichen dafür, dass dem Jungen nichts passiert war, erklärte sie.

„Dein Wort in Gottes Ohr“, sagte Fadwa. „Gehen wir schlafen! Morgen früh sieht die Welt wieder anders aus.“

Beide fielen ins Bett. Fadwa lag noch eine Weile wach. Bisher hatte sie vor dem Einschlafen immer erst noch an Machmûd gedacht. Jetzt dachte sie an Machmûd und an Sâmi.

Die Sonne stand noch nicht am Himmel, als Sâmi erwachte und seinen Marsch wieder aufnahm. Er war hungrig, hatte aber kein Geld, um sich etwas zu essen zu kaufen. Die Gegend kannte er. Früher war er hier gern herumgezogen. Zunächst zu Fuss, bis ihm sein Vater ein Fahrrad kaufte. Wo das wohl jetzt war? Es musste noch immer an dem Abwasserrohr aussen am Haus festgemacht sein. Konnte es noch intakt sein, obwohl das Haus zerstört war?

In diesem Teil der Stadt war die Zerstörung um vieles geringer als bei ihnen. Auch Strom gab es mehr. Doch es gab hier auch viele Menschen, die vor der willkürlichen Beschiessung ihrer Viertel durch die Regierungstruppen geflohen waren.

Plötzlich stand er vor einem militärischen Checkpoint: mehrere Fässer mit Sandsäcken darauf. So wurde die Strasse verengt, und die Autos mussten, eines nach dem anderen, zur Kontrolle anhalten. Die Fässer waren mit den Nationalfarben bemalt, und überall hingen Bilder des Präsidenten der Republik in Uniform. Ein Minibus hielt, und die Identitätskarten aller Passagiere wurden gründlich geprüft.

Wie üblich blieb Sâmi stehen und betrachtete den Checkpoint, die Soldaten und die Autos. Und wie üblich ging ihm kein Gedanke durch den Kopf und er konzentrierte sich auf rein gar nichts. Er stand einfach da und schaute, alles um sich herum vergessend. Die Menschen und die Busse wurden zahlreicher, und einige Personen wurden auf ihn aufmerksam. Auch einer der Soldaten am Checkpoint bemerkte ihn und meldete es seinem Vorgesetzten. Dieser erhob sich und betrachtete den Jungen, dann gab er dem Soldaten Order, den Jungen herzubringen, um keine bösen Überraschungen zu erleben.

Sie führten ihn vor ihren Chef und durchsuchten ihn, fanden aber nichts, rein gar nichts. Keine Papiere, kein Geld, keine Schlüssel. Seine Taschen waren lotterleer.

„Wie heisst du?“, wollte der Chef von dem Jungen wissen. „Wie heisst dein Vater? Wie heisst deine Mutter? Wo wohnst du und was tust du hier? Hat dich jemand geschickt, um hier bei uns herumzuspionieren?“

Er fragte alles durcheinander, aber Sâmi schaute nur auf die Rangabzeichen auf seinen Schultern. Da stand der Offizier auf und schlug ihm so heftig ins Gesicht, dass er das Gleichgewicht verlor und umfiel. Er blieb sitzen. Auch als man ihm befahl aufzustehen, tat er es nicht. Vielleicht begriff er einfach nicht, was sie von ihm wollten. Der Offizier zog seine Pistole und schob ein gefülltes Magazin ein. Dann befahl er Sâmi ein weiteres Mal, sofort aufzustehen. Einer der Soldaten sagte: „Vergebliche Liebesmüh. Der tickt nicht richtig.“ Sicher hätte der Offizier ihn zwischen die Augen geschossen, die auf ihn fixiert waren, hätte da nicht aus dem Fenster des Minibusses, der gerade kontrolliert wurde, eine Frau gerufen: „Ja sehen Sie denn nicht, dass dieser Junge eine arme Kreatur ist?“

„Arme Kreatur?“, fragte der Offizier und schaute auf. Alle Soldaten, alle Fahrgäste im Bus und alle Leute am Checkpoint beobachteten die Szene.

„Ja, der ist zurückgeblieben“, sagte die Frau. „Man sieht doch, dass er nicht normal ist. Seien Sie nachsichtig, und haben Sie ein gutes Herz.“

Der Offizier überlegte einen Augenblick. Dann schob er lächelnd die Pistole wieder in den Gürtel und streichelte dem Jungen freundlich über den Kopf, liess ihn auf einen Stein sitzen hiess ihm Tee bringen. Als das Frühstück kam – ein Kessel Bohnenmus und ein Kilo Zwiebeln –, forderte er den Jungen auf, auch zuzulangen, und dieser, hungrig, wie er war, verschlang alles, was man ihm anbot. Er blieb sitzen und betrachtete ohne einen Wimpernschlag jedes Auto, das am Checkpoint hielt. Der Offizier beobachtete ihn, und plötzlich kam ihm der Gedanke, dem Jungen eine Zigarette anzubieten. Sâmi nahm sie, da er aber anfangs nicht so recht wusste, was er damit anfangen sollte, war ihm der Offizier behilflich. Er schob ihm die Zigarette in den Mund und zündete sie an. Da erinnerte sich Sâmi an seinen Vater, der auch geraucht hatte, und er machte es wie jener, musste aber husten. Das brachte den Offizier zum Lachen, ebenso die Soldaten. Danach liess man ihn gehen.

Drei Tage lang wanderte Sâmi durch die Strassen der von den Regierungstruppen gehaltenen Gegend. Meistens wusste er nicht, wo er war, doch irgendwie fand er immer wieder eine Strasse, an die er sich erinnerte. In vielen Häusern, an denen er vorbeiging, wohnten Leute, die er kannte. Seine Tante Sabîha zum Beispiel, eine Lehrerin, die ihm immer etwas Geld gab, wenn er sie traf. Aber er klopfte nicht bei ihr. Er blieb einfach stundenlang vor dem Haus stehen und starrte auf die Mauer, die man zum Schutz gegen Schmarotzeraugen mit Blechscheiben erhöht hatte. Er konnte nichts anderes sehen als diese schwarzen Bleche.

Auch an den Wohnungen von zwei Schulkameraden ging er vorüber und blieb vor jedem Haus eine Stunde stehen.

Er schlief in Parks und in Schulen, die als Unterkünfte für Flüchtlinge aus den von der Opposition gehaltenen Gegenden dienten.

Einmal griff ihn ein Polizist mit einem automatischen Gewehr auf, als er irgendwo im Gras schlief und schleppte ihn auf eine Polizeiwache, wo man ihn aber wieder gehen liess, weil niemand ein Wort aus ihm herausbrachte.

Plötzlich einmal kam ihm der Gedanke, nach seinem Fahrrad zu sehen.

Ohne Mühe fand er den Schleichweg auf die andere Seite wieder und ging hinüber. Danach durchquerte er mit Hilfe der Mauerlücken eine Anzahl von Gebäuden, die ihm der Bewaffnete gezeigt hatte. Viele Männer standen herum, die ihn aber passieren liessen. Bei der Kurve mit dem Heckenschützen stand noch immer die Tafel, die die Leute warnte. Als er neben der Mauer stehenblieb und das Schild in die Höhe hielt, kamen sofort Bewaffnete, von denen er einige vom ersten Mal her kannte. Sie begrüssten ihn, schüttelten ihm die Hand und klopften ihm herzlich auf die Schulter. Auch er war froh, sie wiederzusehen. Sie boten ihm ein Glas Tee und einen Apfel an, dann liessen sie ihn weiterziehen.

Zur selben Zeit suchten die beiden Frauen, die den kleinen Saîd überallhin mitnahmen, nach ihm in den offiziellen und den klandestinen Krankenstationen; auch in einigen Moscheen erkundigten sie sich. Das Ergebnis war Null, und sie konnten noch von Glück sagen, dass sie vor dem Ausbruch der nächsten Kampfrunde, die die Strassen leerfegte, wieder zuhause waren.

Sâmi stellte das Schild zurück an die Wand und ging weiter. Er wusste, wie man zu seinem zerstörten Elternhaus gelangte, wo er nach seinem Fahrrad sehen wollte. Unter Umgehung der heissen Zonen kam er an die Stelle, wo einmal das Gebäude stand. Der vordere Teil war total zerstört, der hintere existierte noch. Sâmi blieb stehen und schaute. Er betrachtete die hinter Hälfte der Zimmer und des Flurs, der in die Küche, ins Bad und ins Klo führte, wo er sich aufgehalten hatte, als die Granate einschlug. Er betrachtete auch das Bild mit den Bergen der Schweizer Alpen, das, jetzt unter freiem Himmel, noch immer an der Wand hing.

Statt des Fahrrads fand Sâmi vorne am Haus einen Haufen Trümmer. Er blieb stehen und schaute nach oben. Der Inhaber des Ladens in der Nähe, wo alles Vorstellbare verkauft wurde, erkannte ihn. Ein unangenehmer Mensch, der jetzt aber zu ihm kam, ihn freundlich ansprach und ihn dafür beglückwünschte, dass er das überlebt hatte. Wie es ihm gehe und wo er jetzt wohne, wollte er wissen, und vieles andere. Gott möge sich seines Vaters, seiner Mutter und all der anderen Toten erbarmen, sagte er. Sâmi machte nicht den Mund auf. Er stand nur da und schaute in die Höhe. Der Mann fasste ihn am Arm und führte ihn in seinen Laden, wo er ihm eine Limonade spendierte. Er solle sie nur in Ruhe trinken. Dann gab er ihm eine verstaubte Tasche. Darin seien Dinge, die seiner Familie gehörten. Sie hätten da und dort auf den Trümmern gelegen, erklärte er, jetzt gehörten sie ihm, Sâmi.

Sami trank die Limonade. Er sass da und betrachtete eine Weile den Glasbehälter mit den hübschen, verschiedenfarbigen Süssigkeiten. Dann stand er auf, nahm die Tasche und verliess den Laden. Er hatte ganz vergessen, den Ladeninhaber nach seinem Fahrrad zu fragen. Eine halbe Stunde später stieg er die Treppe zur Wohnung der Grossmutter hinauf.

Fadwa öffnete die Tür. Da stand er vor ihr, eine mittelgrosse Reisetasche in der Hand. Mein Gott, Sâmi ist wieder da. Der kleine Saîd hüpfte herum und plapperte die Worte seiner Mutter nach. Fadwa zog ihn herein. Dann schloss sie ihn in die Arme und küsste ihn mehrfach auf den Kopf. Sie drückte, überwältigt von Freude, seinen Körper fest an sich. Dann liess sie ihn wieder los. Auch die Grossmutter, vom Mittagsschlaf aufgeweckt, drückte ihn an sich und küsste ihn.

„Gottseidank lebst du noch“, rief sie, „und das hoffentlich noch lange, Sâmi.“

Sâmi ergab sich den Umarmungen und den Küssen. Er stand da und betrachtete Saîd.

Die beiden Frauen wollten wissen, wo er denn gesteckt habe, doch er schwieg. Wo warst du? Hast du dich verlaufen und den Heimweg nicht mehr gefunden? Wo hast du geschlafen? Hast du Hunger? Dann fiel ihnen die Reisetasche wieder ein, die neben der Tür stand, und sie fragten, was er damit wollte.

Fadwa machte die Tasche auf. Sie war voller Dinge, die Sâmi, seinem Vater, seiner Mutter und seinen Schwestern gehört hatten. Schulbücher zum Beispiel, ein Frauennachthemd, eine Krawatte und eine Jacke des Vater, in deren Tasche noch sein Geldbeutel steckte, samt etwas Geld darin, ein Schminkkästchen und Mädchenschuhe, ausserdem Eigentumsurkunden für das zerstörte Haus und ein paar Bilder der Familie, lachend, sichtbar glücklich. Noch weitere Dinge fanden sich: Sâmis Schulausweis, sein Zeugnis für das sechste Schuljahr – mit sehr guten Noten.

Die Grossmutter betrachtete das Bild auf seinem Schulausweis. „Wie hübsch du aussiehst, Junge“, sagte sie, und Fadwa zog ihn wieder an sich und küsste ihn auf den Kopf.

„Du hast uns so gefehlt, Sâmi“, sagte sie, „wir haben solche Angst um dich gehabt.“

Mit Sâmis Rückkehr stellten sich auch die Ruhe und die Heiterkeit im Haus wieder ein, doch in der Stadt lief nicht alles nach Wunsch. Die Kämpfe waren wieder aufgeflammt und bedrohten alle. Niemand konnte vorhersagen, wann eine Granate oder eine Rakete einschlug und wen sie traf. Der hässliche Scheich Abdalrasâk mit seiner wohlklingenden Stimme, hatte über den Lautsprecher des Minaretts seiner Moschee noch nicht die Ankündigung beendet, der X oder der Y sei zu seinem Herrn aufgestiegen, da traf schon die Nachricht vom Tod eines weiteren Bewohners des Viertels ein und er musste auch diese gleich weitergeben. Man bestattete die Getöteten sofort. Die Totenfeier fand abends bei Kerzenlicht in der Moschee statt, und der Scheich las in aller Kürze ein paar Suren aus dem Koran, damit die Trauergemeinde sich möglichst rasch wieder zerstreuen konnte.

Fadwa nahm, eingerahmt von den beiden Jungen, ihre Gutenachtgeschichten wieder auf. Sâmi folgte, den Blick unverwandt auf  Fadwa gerichtet, den Erzählungen. Saîd dagegen schlief ein, bevor die Geschichte zu Ende war. Eines Tages erzählte sie wieder mit gedämpfter, schwerer Stimme. Plötzlich spürte sie, dass Sâmi sie vorsichtig am Arm berührte. Seine Hand wanderte zu ihrer weichen Wange hinauf und streichelte sie. Sie liess ihn gewähren. Sie schob seine Hand auch nicht weg, als sie sich zu ihrem Haar hin bewegte. Er beugte sich vor und berührte mit den Lippen ihren Oberarm nahe der Schulter. Sie sah ihn an, und blickte in seine schönen schwarzen Augen. Sie lächelte und strich ihm mit der Hand über die Wange. Eigentlich wollte sie die Geschichte fertig erzählen, doch plötzlich fiel ihr Blick auf seinen Körper, der da neben ihr auf dem Bett lag, leicht an sie gedrängt. In der Mitte ragte etwas empor, eine Wölbung, nicht unähnlich einem Zelt. Ihre Augen weiteten sich, und etwas wie eine elektrische Welle überlief sie. Was sollte sie mit ihren Augen oder ihrem trockenen Mund machen? Ihr Herz schien in ihrer Brust zu versinken, sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen und versuchte, ihren Atem unter Kontrolle zu bekommen.

Ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen, forderte sie Sâmi auf, schlafen zu gehen. Der Junge stand auf und ging zur Tür. Zwischen den Fingern hindurch schaute sie ihm nach. Seine Mitte hatte sich noch nicht beruhigt. Sie sah ihr Gesicht im Spiegel. Es war rot. Sie lächelte sehr verlegen.

Am folgenden Tag schaute sie ihn immer wieder lächelnd an. Er versuchte, nie von ihrer Seite zu weichen, und immer wieder fielen ihr seine strahlend schönen Augen auf. Er berührte gern ihre Kleider oder irgendetwas anderes, das ihr gehörte, und er erfüllte bereitwillig alle ihre Wünsche.

Am Abend – die Kämpfe waren nahe an ihr Viertel gerückt, spielten sich vielleicht sogar schon im Viertel ab – sassen sie schweigend im Licht einer einzigen Kerze zusammen. Die Grossmutter schlief auf ihrem Gebetsteppich, Saîd quengelte und greinte aus Furcht und Langeweile. Sie versuchte, den beiden Jungen eine Geschichte zu erzählen, konnte sich aber, da sie auch selbst Angst hatte, nicht konzentrieren. Um ihr Söhnchen zum Schweigen zu bringen, zog sie ihn zu sich und gab ihm die Brust. Der Kleine beruhigte sich und saugte friedlich. Sâmi beobachtete die Szene. Er rückte näher und berührte die Brust. Sie liess ihn gewähren, und er vertiefte sich ganz in ihre Brust und deren Weichheit. Als er die Hand auch nach der anderen Brust ausstreckte, versuchte sie, ihn zu hindern. Doch die Brust hatte sich schon aus dem Kleid befreit und er beugte sich vor, um die Brustwarze mit dem Mund zu berühren. Das unterband sie, lachend.

„Nein, Sâmi, das geht nicht. Du bist doch kein kleines Kind mehr.“

Er gehorchte, ohne dass der Glanz aus seinen Augen wich. Er schaute weiter, bis Saîd eingeschlafen war und Fadwa ihre Brust zurück ins Kleid geschoben hatte. Dann lehnte er den Kopf an ihre Schulter und schnupperte an ihrem Hals. So blieb er sitzen, bis die Kämpfe abflauten und es Zeit zum Schlafen war.

Am nächsten Morgen zog Fadwa sich an und verbarg ihr Haar unter dem Kopftuch. Sie nahm ihren Sohn und ging hinaus, um ihm ein paar Süssigkeiten zu kaufen, damit er sich beruhigte und weniger quengelte. Der Morgen war angenehm. Die Kämpfe hatten aufgehört. Fadwa kaufte für Saîd und für Sâmi ein paar Süssigkeiten. Danach besorgte sie noch Auberginen, Tomaten, Orangen, Kerzen und ein Päckchen Zigaretten. Hin und wieder hatte sie jetzt Lust auf eine Zigarette. Sie trug ihre Einkäufe mit einer Hand, mit der anderen hielt sie ihren Sohn fest. Als sie sich gerade auf den Heimweg machen wollte, hörte sie ein sehr kurzes Pfeifen, dann eine Explosion.

Die Granate detonierte mitten auf der Strasse. Sie liess Körperfetzen, Blut, Staub und Trümmer zurück. Im dichten Staub legte sich Stille über alles. Nur da und dort waren herabfallende Trümmer zu hören. Erst eine halbe Minute später begann das Schreien und das Kreischen. Die Leute rannten weg oder begannen nach den Verwundeten zu suchen. Durch allen Lärm hindurch hörte man Saîd weinen. „Mama, Mama, …“, greinte er.

Durch die Staubwolke hindurch bahnten sich die Grossmutter und Sâmi einen Weg. Sie kamen entsetzt gerannt, um nach Fadwa und ihrem Sohn zu suchen. Sâmi sah den Kleinen, der über den halbnackten, zusammengekrümmten und entstellten Körper seiner Mutter gebeugt war. Er rannte auf sie zu, Schutz suchend bei der Grossmutter, die sich jammernd an den Kopf griff. Sâmi sank auf die Knie und berührte die blut- und staubverschmierte Frau. Aus Fadwas Kleidern stieg Rauch auf. Die Grossmutter nahm den Kleinen, während Sâmi die Tote berührte. Tränen drängten ihm in die Augen, er wusste nicht, was er tat. Er wollte weinen, wollte sich schlagen oder schreien, er konnte es nicht. Er kauerte sich zusammen dann beugte er sich vornüber und fasste sich an den Kopf, der ihm nicht gehorchte. Immer wieder versuchte er zu schreien.

Schliesslich gelang ihm der Schrei. Sâmi schrie, so laut er konnte. Fast schrie er sich die Eingeweide aus dem Leib, doch er schrie weiter. Er richtete sich auf und schaute gen Himmel, und er schrie und schrie und schrie.

(Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich)